Wird in den Medien darüber berichtet, dass eine konkret benannte oder zumindest identifizierbare Person der Öffentlichkeit einer schweren Verfehlung verdächtigt ist, über die berichtet wird, ohne dass sich das berichtete Ereignis bereits sicher nachweisen lässt,  handelt es sich um eine Verdachtsberichterstattung.

Diese ist grundsätzlich geeignet, eine Vorverurteilung des Betroffenen auszulösen und sich nachteilig auf seine Reputation auszuwirken. Aus diesem Grund hat zwischen dem Persönlichkeitsrecht des Betroffenen aus Art. 1 I iVm 2 I GG einerseits und dem Informationsinteresse der Öffentlichkeit und dem Recht der Medien auf Pressefreiheit, Art. 5 I GG, andererseits eine gerechte Abwägung stattzufinden.

Zu diesem Zweck hat die Rechtsprechung folgende Voraussetzungen einer rechtmäßigen Verdachtsberichterstattung aufgestellt, bei deren Einhaltung sowohl die Pflicht der Medien zur öffentlichen Meinungsbildung als auch das Persönlichkeitsrecht des Betroffenen gewahrt werden.

  1. Die Medien müssen vor Veröffentlichung der Berichterstattung einen Mindestbestand an Beweistatsachen recherchieren. Je schwerwiegender der Verdacht ist, desto höhere Anforderungen sind dabei an diese Sorgfaltspflicht zu stellen.
  2. Es darf keine Vorverurteilung des Betroffenen oder eine Sachverhaltsverzerrung erfolgen. Der Bericht muss neben belastenden Argumenten auch etwaige entlastende Tatsachen beinhalten. Durch eine neutrale Beschreibung soll der Leser die Möglichkeit erhalten, sich selbst ein Bild von den geäußerten Vorwürfen zu machen.
  3. Es muss sich bei dem Verdacht um eine schwerwiegende Verfehlung handeln. Davon sind neben Straftaten generell alle Vorfälle erfasst, bei denen ein Informationsinteresse der Allgemeinheit besteht. Wann die Informationsbedürftigkeit zu bejahen ist, hängt stark vom Einzelfall ab. Bei Personen, die ihrerseits die öffentliche Aufmerksamkeit suchen, insbesondere bei Prominenten, wird man sehr viel schneller einen tauglichen Verdachtsfall annehmen können, als bei Personen, die sich vor der Öffentlichkeit schützen.
  4. Schließlich müssen die Medien vor Veröffentlichung der Berichterstattung dem Betroffenen Gelegenheit zur Stellungnahme geben und die vorgebrachten Argumente im Bericht berücksichtigen. Von dieser Pflicht werden die Medien nicht durch generelle Anfragen einer Äußerung oder eines Interviews frei. Vielmehr muss dem Betroffenen der ihm zur Last gelegte Sachverhalt vorgelegt werden. Nur so kann er auf konkrete Vorwürfe eingehen und sich vollumfänglich verteidigen. Lediglich dann, wenn von den Medien ein ernsthafter Versuch unternommen wurde, eine Stellungnahme zu erlangen und diese zurückgewiesen wurde, dürfen weitere Anhörungsversuche unterbleiben.

Sind diese Voraussetzungen erfüllt, handelt es sich um eine rechtmäßige Verdachtsberichterstattung, die der Betroffene nicht verhindern kann, obwohl die ihm vorgeworfene Handlung nicht sicher nachgewiesen werden kann. Liegen die Voraussetzungen einer zulässigen Verdachtsberichterstattung nicht vor, kann der Betroffene presserechtliche Ansprüche, insbesondere auf Unterlassung, geltend machen.